Schauspieler liegt auf der Bühne
Bild: Thomas Rötting

Woyzeck Presse

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.11.2012, von Marcus Hladek:

„Begleitet vom Schlagzeug Michael Weilachers, beeindruckte Wang Lu mit der bedächtigen Art, wie er getragene Kostüme ab- und andere anlegte, aber auch durch die Rollenfach-geprägte Interpretation des Erbsen zählenden Titelhelden, des zum General-Typus gewordenen Majors, des flink-beweglichen Doktors in seiner eckigen schwarzen Mandarin-Kappe und so fort.
Wirklich überraschend war indessen, wieviel sich bei aller Fremdheit als unmittelbar verständlich erwies und wie klar konturiert die typisierten Figuren, eingeschlossen Marie in ihrem kürzeren blauen Gewand, sich voneinander abhoben. Experiment bedeutet Erfahrung, und zu einer ebensolchen ist dieser „Woyzeck“ mit seinen fremden, aber nicht unzugänglichen Codes und Konventionen geworden. Keine Chinoiserie ohne Belang.“


Frankfurter Rundschau, 13.11.2012, von Stefan Michalzik:

„Ein Kosmos für sich

Das Unterfangen erscheint außergewöhnlich. Die junge Regisseurin Anna Peschke hat im Frankfurter Theater Landungsbrücken Büchners "Woyzeck" als Pekingoper inszeniert, als Solo für den gleichfalls jungen Darsteller und Tänzer Wang Lu von der National Beijing Opera Company. Schon im Ankündigungstext wird der Zuschauer auf den Pfad geführt, dass es nicht um ein exotisch motiviertes Spektakel zur Ethno-Weltflucht geht, sondern um das Experiment eines wechselseitigen kulturellen Transfers.
Bild für Bild - insgesamt sind es 15 - wird die Geschichte Woyzecks erzählt, immer präzise an der Büchnerschen Vorlage entlang. Man sieht sich hineingezogen in einen eigenen Kosmos, der freilich seine Brüche aufweist, da sich beiläufig ein Spannungsverhältnis zu dem kultiviert schäbigen Ambiente der einstigen Fabrikhalle im Industriegebiet des Gutleut ergibt. Die Blockade der Ebene des sprachlichen Verstehens - für unsere Ohren sind die chinesischen Wort nur Musik und Rhythmus - sorgt für eine gespannte Aufmerksamkeit. Es macht im besten Sinne Mühe zu folgen. Zugleich schwingt ein Moment der Kontemplation mit. Die einstündige Aufführung spricht sinnlich an, ohne dass der Intellekt dabei zu kurz käme.
Wang Lu wechselt in einem tänzerischen Fluss die Rollen, er schlüpft in goldbesetzte Gewänder. Eine Autorität wird mit einem hüftlangen Bart dargestellt, ein Paar auf den Händen balancierter Schuhe markiert den Tanz Maries in Liebesgedanken an den Tambourmajor: Die effektsichere Reduktion der Mittel ist bewundernswert. Die Musik des Perkussionisten Michael Weilacher nimmt in furiosen Szenen und intim-leisen Momenten mit schlagender Sinnfälligkeit chinesische Elemente auf und überträgt sie in einen zeitgenössischen westeuropäischen Kontext. Großartig.
In der westlichen Rezeption - es sind auch Aufführungen in China vorgesehen - ist es primär die hohe Kunst des fabelhaften Spielers und Tänzers Wang Lu, die staunen lässt. Das Erzählen ist mithin ein Teil des Erzählten.“